Ich erinnere mich daran, die Sueddeutsche Zeitung aufgeschlagen und gestutzt zu haben.
Ich hatte die Kinder vor Augen, die im Stadtzentrum Pueblas Ketten oder Feuerzeuge verkaufen. Ich sah die einfachen Holzhütten in der Sierra Norte, die ganzen Familien als Schutz dienen sollen. Omis, die am Rande des Marktes sitzen und Kräuter aus dem Wald verkaufen, weil die Rente vorne und hinten nicht reicht.
Und jetzt war diese Zeitung nach Puebla gelangt und ihr war zu entnehmen, dass Deutschland wieder einmal über seinen Sozialstaat hadert. Es ging um eine Karte. Eine Karte die es Arbeitslosen und ihren Kindern ermöglichen sollte kostenlos in Museen und Theater zu kommen.
Dass ich die deutsche Debatte befremdlich fand lag nicht daran, dass ich es unangemessen fände Arbeitslosen ein kostenloses Kulturangebot zu machen. Das halte ich nicht für besonders elitär oder prassig. Die Diskussion, ob das Angebot dieser Karte nicht die Würde der Empfänger verletze hingegen schon.
Wer sich einmal mit unserem Umgang mit Asylflüchtlingen beschäftigt hat weiß, dass viele dieser Menschen, die teils über Jahre in Deutschland leben, diesen Anspruch auf Würde anscheinend nicht besitzen. In einigen Bundesländern dürfen sie nämlich nicht einmal wählen, was die essen wollen sondern bekommen statt Verpflegungsgeld eine Kiste Lebensmittel (Sachleistungsprinzip). Wenn diese Art von Hilfe für diese Menschen vertretbar ist, warum dann nicht für deutsche Arbeitslose?
Ich legte die Zeitung zur Seite und versuchte meiner mexikanischen Mitbewohnerin zu erklären, dass wir in Deutschland nicht darum streiten, wieviel wir Menschen geben, sondern darum, ob wir mit dem Geben nicht ihre Würde verletzen. Es war schwierig zu erklären. Vor allem, weil ich selber nicht verstand.
Inzwischen verstehe ich etwas mehr. Ich war bei einer Veranstaltung auf die mich Meike eingeladen hatte und auf der eine Deutsche und eine Bosnierin von ihren Kriegserlebnissen berichteten. Die Moderatorin sagte in ihrer Eröffnungsrede, deutsche Kriegsopfer würden sich ja häufig nicht trauen, zu erzählen. Denn Deutschland sei schließlich fraglos der Kriegsschuldige gewesen. Als Schuldiger aber habe man genauso ein Recht zu leiden wie andere.
Die Dame aus Düsseldorf, die uns dann von ihrer Jugend in Nazideutschland berichtete, nahm sich dieser Meinung jedoch nicht an. Immer, wenn sie von einem Geschehniss berichtete setzte sie hinterher: “Aber eigentlich habe ich den Krieg ja gar nicht erlebt. Mir gings ja gut. Andere haben viel Schlimmeres erlebt!” – und diese frau war auf der Flucht, ist angeschossen worden, hat Zwangslager gesehen und ist an einen Ort zurückgekehrt, an dem nur noch die Trümmer ihres Heimes lagen.
Da wurde mir klar, dass ich den Menschen Unrecht getan hatte, die so lebhaft über die Würde von HarzIV Empfängern gestritten hatten. Denn die Diskussionen eines Landes dürfen sich nicht begrenzen lassen vom Fortschritt in anderen Ländern. “Iss deinen Teller auf, in Afrika hungern sie.”; diese Logik hilft niemandem. Ich darf Angst vor Spinnen haben, auch wenn andere Menschen sich mit wirklichen Gefahren beschäftigen müssen. Ich darf drei Euro Stundenlohn ungerecht finden, auch wenn in Uganda Menschen für viel weniger schuften. Und ich darf über meinen eigenen, kleinen Schmerz weinen, auch wenn andere Menschen unvorstellbar Leiden.
Jeder hat das Recht auf seine eigenen Gefühle, das eigene Leiden, die eigene Angst und seine eigenen Werte.



Warum sagst du nicht einfach die Wahrheit? Warum sagst Du nicht einfach denen, die in warmen Hartz-IV-Tüchern sitzen, was wirklich Sache ist? Warum nicht? Weil Du nach Hartz IV, V,VI etc zurückkehren wirst, und dort wieder die Maulketten vorfindest, die Du. trotz all Deiner aktuellen Erfahrung, nicht ablegen kannst/darfst!
Schade um Menschen wie Dich, die sehen und doch nicht sehen dürfen!
@vallartina: ich kann deinem Kommentar nicht ganz folgen. “warme HartzIV Tücher” – du scheinst der Meinung zu sein, Arbeitslose bekämen bei uns zu viel Geld. Möglich. “Maulketten” bei “HartzIV, V, VI” – hast du das Gefühl, du dürftest deine Meinung über diese Politik nicht sagen? Und was sehe ich nicht? Kannst du das nochmal erklären. Würde mich nämlich interessieren!
Grundsätzlich wollte ich in diesem Artikel eigentlich nicht über HartzIV diskutieren, sondern meine Erkenntnis darstellen, dass alles relativ ist – aber nur zu seinen eigenen Bezugsräumen. Auf das HartzIV Thema bezogen wollte ich nur sagen: Es ist in Ordnung darüber zu diskutieren, ob das ALG2 dem Leben in Deutschland angemessen ist. Es mit dem zu vergleichen, was Menschen in wesentlich ärmeren Ländern zum leben haben, finde ich nicht richtig.
So, und jetzt nochmal du. Bitte.
“Es mit dem zu vergleichen, was Menschen in wesentlich ärmeren Ländern zum leben haben, finde ich nicht richtig.”
Du siehst die alten Menschen und arbeitende Kinder in z.B. Mexiko, die wegen nur ein paar Pesos stundenlang an Kreuzungen in der prallen Sonne stehen und Zeitungen, Getränke oder Blumen verkaufen usw. Diese paar Pesos reichen gerade mal, um frijoles kaufen zu können. Aber sie suchen Arbeit, Nebenverdienst, Aushilfsjobs, was sie eben kriegen können. Sie müssen dies tun, um ESSEN zu können. Frag nach ihrer Würde, wenn mir die Frau im Alter meiner Grossmutter eine Ladung gekaufter Lebensmittel eintütet und der 75-jährige Rentner mir diese Tüten dann bis zum Kofferraum trägt oder karrt!
Aber eine Karte die zum kostenlosen Eintritt Arbeitsloser ins Museum berechtigt – dass soll die Würde verletzen?
Trotzdem ist es richtig und wichtig darüber zu diskutieren wieviel Geld und Sachleistungen ein Mensch in Deutschland benötigt um “in Würde” zu leben. Denn Deutschland kann sich das leisten. Und natürlich ist diese Würde auf einem anderen Level als anderswo. Ich finde es gut, dass in Deutschland prinzipiell jeder Mensch aufgefangen wird. Es geht dem Land gut, es ist richtig, dass die Ärmsten und Schwächsten in diesem Land auch davon profitieren!